Die Religion

im Königreich

  
Die wichtigste Religion Thailands ist der Buddhismus, und zwar der Buddhismus der Theravada-Konfession. Rund 94 % der Bevölkerung des Landes hängt dem Theravada-Buddhismus an. Die buddhistische Doktrin wird an allen Schulen des Landes außer im moslemischen äußersten Süden gelehrt und ist fester Bestandteil des Lehrplans.

Fast alle buddhistischen religiösen Zeremonien haben das Wat zum Mittelpunkt. Wats sind meistens eine Mischung aus Kirche und Kloster. Es gibt rund 32.000 Wats im Land. Es ist Sitte, dass jeder Mann irgendwann in seinem Leben wenigstens einmal für drei Monate Mönch wird, um die buddhistische Lehre zu studieren. Auch der gegenwärtige König, Bhumiphol Adulyadej, war einmal während seiner Regentschaft Mönch, und zwar 1956, als er vom Palast ins Wat Bovornivet umzog. Kronprinz Vajiralongkorn wurde 1978 für einige Monate Mönch.

Während Äbte normalerweise auf Lebenszeit Mönch sind, stellen Mönche auf Lebenszeit in den Klostern normalerweise nur eine Minderheit dar. Mönche unterliegen einem strengen Zölibat. Es ist ihnen nicht nur der sexuelle Kontakt mit Frauen verboten, sondern er wird von Ihnen auch erwartet, dass sie nie in körperliche Berührung mit Frauen geraten. Allerdings besteht die Zölibats-Regelung nur für die Zeit, in der die Mönchskutte getragen wird. Deshalb können durchaus auch verheiratete Männer Mönch werden - auf beliebig lange. Allerdings sollten sie während dieser Zeit jeglichen körperlichen Kontakt mit ihrer Ehefrau vermeiden.

Der Buddhismus ist wahrscheinlich die toleranteste Religion auf der Welt. Der Buddhismus kann mit jeder anderen Religion auf der Welt koexistieren, und es verbietet der Buddhismus seinen Anhängern nicht einmal, gleichzeitig irgendeiner anderen Religion anzuhängen. Der Grund dafür ist, dass der Buddhismus im Grunde eine gottlose Religion ist - blasphemisch wie sich das für den Besucher aus dem Westen anhören mag. Der Buddhismus stellt sich über jegliches Gott-Verständnis - Gottheiten jeglicher Religion werden als Bestandteil der diesseitigen Welt aufgefasst. Die buddhistische jenseitige Welt, das Nirwana, steht über jeglicher Gottheit, und nach buddhistischem Verständnis unterliegen Gottheiten genauso den Erkenntnissen des Buddha wie jeder Mensch. Man könnte sagen, das Nirwana ist jenseits von Gut und Böse, während die Gottheiten anderer Religionen immer stets die gute Kraft verkörpern und deshalb diesseits von Gut und Böse sind.

Da der Buddhismus mit jeder anderen Religion koexistieren kann, blickt Thailand auf eine lange Tradition religiöser Toleranz zurück, ganz im Unterschied zu den anderen Welt-Religionen, insbesondere dem Christentum und dem Islam. Laut Verfassung ist der thailändische König (obwohl vorausgesetzt wird, dass er Buddhist ist) nicht nur das Staatsoberhaupt, sondern auch der Wahrer aller Religionen, nicht nur des Buddhismus.

Da es der buddhistischen Lehre widerspricht, irgend etwas durch Machtausübung zu erreichen, ist die buddhistische Religion nicht nur toleranter als andere Religionen - sie ist auch in geringerem Maße institutionalisiert. Eine Art buddhistischen Vatikan gibt es nicht. Dementsprechend wird ein Großteil der weltlichen Angelegenheiten des Buddhismus, von Fragen des Landbesitzes bis zum Erhalt buddhistischer architektonischer Monumente, vom Staat wahrgenommen, und zwar über das Department of Religious Affairs im Bildungsministerium. Allerdings gelten viele Wats in jüngster Zeit als reich. In der Presse wurde berichtet, dass es unter den Wats etliche geben soll, die dicke Bankkonten unterhalten - eine Folge von Geld-Spenden reicher thailändischer Geschäftsleute.

Da es eine institutionalisierte buddhistische Kirche nicht in dem Ausmaße gibt, wie institutionalisierte christliche Kirchen, ist es in Thailand auch eher der Staat, der religiöse Vergehen definiert und sie auch strafrechtlich verfolgt. Die folgende Erläuterung ist dem englischsprachigen Traveller’s Guide to Thailand entnommen, der von der Tourist Authority of Thailand veröffentlicht wurde :

"Die Gesetze Thailands umfassen einige Paragraphen, die sich mit religiösen Vergehen befassen, und diese Gesetze gelten nicht nur für den Buddhismus, die Religion der Mehrheit der Thai-Bevölkerung, sondern auch für jede andere Religion, die im Königreich vertreten ist. So ist es zum Beispiel gesetzeswidrig, auf welche Art und Weise auch immer, eine Handlung zu begehen, durch die ein Gegenstand an einem Ort religiöser Verehrung jeglicher Religion beleidigt wird. Gleichermaßen unterliegt eine Person, deren Handlungen als ‘Störung einer Gemeinde zu verstehen ist, die sich gesetzmäßig zu einer religiösen Versammlung oder dem Vollzug religiöser Zeremonien zusammengefunden hat’, einer Bestrafung, ebenso wie jegliche Person, ‘die sich durch ihre Kleidung oder durch religiöse Symbole als Priester, Mönch, Heiliger oder Kirchenmann ausweist, ohne rechtmäßig selbige Position innezuhaben, und dies mit dem Anliegen, andere Leute glauben zu machen, man sei ein solcher Würdenträger.’

Hier sind, in einfacherer Formulierung, ein paar Hinweise, wie man sich zu verhalten hat, wenn man Orte religiöser Andacht besucht:

- Man sollte sauber angezogen sein. Besuchen Sie Orte religiöser Andacht nicht ohne Hemd, oder in kurzen Hosen, ‘heißen Höschen’ oder anderer unpassender Bekleidung. Schauen Sie sich Thais in Ihrer Umgebung an, und dann werden Sie sehen, welche Art von Bekleidung von Ihnen erwartet wird. Es ist dies eine Bekleidung, die sich wahrscheinlich nicht von der Bekleidung unterscheidet, die von Ihnen auch zu Hause erwartet wird, wenn Sie Orte religiöser Andacht besuchen.

- Es ist nichts daran auszusetzen, wenn Sie Ihre Schuhe anbehalten, während Sie in einem Tempelhof herumlaufen. Wenn Sie allerdings eine Tempelhalle besichtigen, sollten Sie Ihre Schuhe auf jeden Fall ausziehen. Seien Sie nicht um Schmutz besorgt. Die Böden von Tempelhallen sind in der Regel sehr sauber.

- Buddhistischen Mönchen und Priestern ist es verboten, Frauen zu berühren, oder von Frauen berührt zu werden, oder aus der Hand einer Frau irgend etwas entgegenzunehmen. Wenn eine Frau einem Mönch oder Novizen etwas geben möchte, dann übergibt sie dies zunächst einem Mann, der es dann weiterreicht. Die andere Möglichkeit ist, dass der Mönch einen Teil seiner Robe oder auch nur ein Taschentuch ausbreitet, auf das die Frau ihre Gabe dann legt.

- Alle Buddha-Darstellungen, ob groß oder klein, und auch ob zerstört oder nicht, gelten als heilig. Deshalb steigt man nicht auf Buddha-Statuen, um sich dort photographieren zu lassen, oder, allgemeiner gefasst: man tut nichts, was auf mangelnden Respekt für die Buddha-Statue schließen ließe."

Es liegt außerhalb des Rahmens dieses Buches, den Buddhismus als Religion oder Philosophie zu beurteilen. Dem Thema angemessen, wurden über den Buddhismus dicke Bände verfasst. Kurzgefasste Erklärungen vereinfachen in einem Maße, durch das meist ein falsches Bild entsteht. Dennoch, nicht jeder Besucher Thailands wird die Zeit haben, dicke Bücher über Buddhismus zu wälzen, sich aber trotzdem in begrenztem Rahmen über die Religion informieren wollen.

Eine Religion ist nicht hinreichend durch ihre theologischen Strukturen erklärt - wie ja Religionen überhaupt nicht nur aus faktischen Elementen bestehen, sondern auch aus den mystischen Inhalten, welche die Gläubigen ihr beimessen. Ich zitiere deshalb an dieser Stelle einen Text aus dem schon oben erwähnten Traveller’s Guide to Thailand, veröffentlicht von der Tourist Authority of Thailand. Der Autor des zitierten Textes hat den Versuch unternommen, einem Nicht-Buddhisten die Grundzüge seiner Religion zu erklären. Gleichzeitig ist der zitierte Text aber auch ein religiöses Zeugnis, und er zeigt über die inhaltlichen Erklärungen hinaus auch auf, nicht nur was, sondern auch wie Buddhisten glauben. Mit der Gewissheit, die gläubigen Menschen eigen ist, präsentiert er den Buddhismus, ja sogar die Theravada-Konfession, der er ohne Zweifel anhängt, als die logischste und richtigste Religion überhaupt, oder, mehr noch, als die einzig wahre. Dadurch erhält der zitierte Text einen Grad von Authentizität, der durch eine neutrale Erklärung der religiösen Inhalte des Buddhismus nie erreicht werden könnte. Entsprechend seiner oder ihrer religiösen Neigungen mag der Leser oder die Leserin den Text relativieren. Der angekündigte Text (Übersetzung aus dem Englischen):

"Der Buddhismus ist eine natürliche Religion, da er nicht im Gegensatz zu Körper und Geist steht. Die buddhistische Ethik ist eng mit dem Naturgesetz verwandt. Der Buddhismus wurde auch oft als atheistische Religion klassifiziert, und zwar deshalb, weil er nicht aus Gott- oder Seelen-Theorien besteht, die ohnehin weder im Selbst-Experiment noch durch Erfahrung bewiesen werden können. Der Buddhismus bezieht sich nur auf offensichtliche Fakten über das Leid der Welt, die jeder Mensch an sich selbst und in der ihn umgebenden Welt ohne weiteres feststellen kann.

Der Buddhismus ist die Lehre des Buddha, der im Jahre 623 vor Christi Geburt als Prinz von Kapilavathu im Himalaya an der indisch-nepalesischen Grenze geboren wurde. Er heiratete und hatte einen Sohn. Obwohl er vom Luxus und dem Glitzer des königlichen Hofes umgeben war, machte der Anblick von vier Männern, einem altersschwachen Mann, einem kranken Mann, einem toten Mann und einem bettelnden Mönch, einen so starken Eindruck auf ihn, dass er nach Erhalt dieser ‘vier Zeichen’ im Alter von 29 Jahren den elterlichen Palast verließ, um ein heimatloses Leben zu führen. Dadurch wollte er einen Heilsweg für alle leidenden Kreaturen finden. Während er bestehende Lehren studierte, kam er zu der Erkenntnis, dass sie alle unzulänglich waren, da sie nicht zum Erwachen, zur Leere und zur Erkenntnis führten.

Buddha verließ seine Lehrer und praktizierte für sechs Jahre mit großem Eifer die Abtötung seiner selbst [durch Fasten]. In dieser Zeit traf er auch mit fünf Asketen zusammen, den sogenannten Panca Vaggiya, die ihm ihre Dienste anboten. Letztendlich kam Buddha jedoch zu der Erkenntnis, dass asketische Übungen nicht der richtige Weg zum Heil seien. Er hatte ja eine Abtötung seiner selbst bis zu den Grenzen der Tragbarkeit praktiziert, und er fühlte sich sehr schwach, ohne wirklich irgend etwas erreicht zu haben. Deshalb entschloss er sich, wieder Nahrung zu sich zu nehmen, wodurch er wieder zu Kräften kam, und er wandte sich der Meditation zu, die ihm schließlich unter dem heiligen Bodhi-Baum bei der Stadt Uruvela, dem jetzigen Buddhagaya, im Alter von 35 Jahren zur Erleuchtung verhalf.

Durch tiefes Nachdenken über sich selbst erkannte Buddha den Zusammenhang, in dem Menschen geboren werden und sterben, entsprechend des Karmas, das sie sich selbst durch gute oder schlechte Taten geschaffen haben. Weiterhin gewann er die Einsicht in die ‘Fünf Aggregate des Seins’, die Panca Khandha, die da sind: Rupa (Körper), Vedana (Gefühl), Sanna (Erkenntnis), Sankhara (Eindrücke) und Vinnana (Bewusstsein). Er kam zu der Erkenntnis, dass jeder Mensch nur die Verkörperung dieser fünf Aggregate ist, oder gewissermaßen aus Khandha besteht - Khandha allerdings gehört niemandem speziell, und der Versuch, sich an ein einzelnes Khandha oder das ganze System zu klammern, führt nur zu einer Wiedergeburt und einer neuen Runde von Existenz (Samsara). Die Folge ist eine ‘Selbst-Täuschung’. Der Buddha entdeckte weiterhin die ‘Vier noblen Wahrheiten’, die zum Ende alles Leidens und zur Verhinderung einer neuen Wiedergeburt führen.

Nach einiger Zeit entschloss sich Buddha, aus Mitleid mit der Welt, seine Lehre zu offenbaren. Seine Lehre, das Dhamma, formulierte er erstmals in seinen Gesprächen mit den fünf Asketen. Diese Unterweisung ist gemeinhin als die ‘Vier noblen Wahrheiten’ bekannt, und sie sind die Essenz der buddhistischen Doktrin. Buddha lehrte seine Doktrin für fast 45 Jahre, in denen er in Nord-Indien von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf wanderte. Im Alter von 80 Jahren wurde er krank und starb am Vollmond-Tag des 6. Monats des Mond-Kalenders im Jahre 543 vor Christi Geburt bei Kusinara im Land der Malas.

Es gibt zahlreiche historische Beweise für die tatsächliche Existenz Buddhas, wie zum Beispiel die Asoka-Säule, die von König Asoka (262-222 vor Christi Geburt) im Lumbini Park bei Kapilavathu in Nepal zum Andenken an die Geburt Buddhas errichtet worden war, zeitgenössische indische Literatur, den Pali-Kanon Tripitaka, die Schriften zur Disziplin (Vinaya), der Unterweisungen (Suttanta) und zur Philosophie (Abhidhamma), den Sanskrit-Kanon, die Berichte zweier chinesischer Reisender in Indien, Fahian (394-441 nach Christi Geburt) und Yuan Thsang (630-644 nach Christi Geburt), und schließlich die buddhistische Doktrin selbst, die auf wahren und tatsächlichen Fakten beruht, auf Fakten, deren Wahrheit jeder Mensch mit ausreichender Intelligenz und Geduld durch eigene Einsicht erfahren und überprüfen kann.

Die Lehre des Buddha wurde nicht von ihm selbst niedergeschrieben. Unmittelbar nach seinem Tod traten im Jahre 477 [fehlerhafte Zeitangabe der hier übersetzten Quelle] vor Christi Geburt seine Jünger zu einem ersten Konzil zusammen, und all seine Unterweisungen wurden festgehalten und der Grundstock zum Pali-Kanon gelegt. Es gab ein zweites (377-343 vor Christi Geburt) und drittes Konzil, und die Unterweisungen wurden in verschiedene Sammlungen geordnet, die Pitakas heißen, wie zum Beispiel die Sutta Pitaka, in der die persönlichen Unterweisungen Buddhas zusammengefasst sind, die Vinaya Pitaka, welche die Regeln für den heiligen Mönchsorden umfasst, und, etliche Jahrhunderte später, die Abhidhamma Pitaka, in der gelehrte Schriften zusammengefasst sind, welche die beiden ersten Pitakas erläutern.

Von der ‘Asoka-Säule’ lernen wir, dass König Asoka von Indien Missionare in alle Provinzen seines Reiches und später auch in die benachbarten Königreiche Ceylon, nach Kaschmir und Tibet im Norden, und nach Persien, Antiochia, Ägypten und Griechenland im Westen entsandt hat. König Asoka berief ein Konzil ein, das dritte Konzil, und während dieses Konzils wurde der Pali-Kanon überarbeitet und festgelegt. Nach seinem Tod brach der Buddhismus in zwei Schulen auseinander, den Hinayana [Theravada] oder Kleinen Wagen, und den Mahayana oder Großen Wagen. Hinayana ist die orthodoxe Lehre, basierend auf dem Pali-Kanon. Diese Schule hält sich an die ursprüngliche Doktrin, und sie wird in Ceylon, Burma, Thailand, Laos und Kambodscha praktiziert.

Mahayana dagegen ist eine Weiterfassung der ursprünglichen Doktrin und sie basiert auf Sanskrit-Übersetzungen des Pali-Textes, in dem einige Prinzipien der Doktrin modifiziert sind, um die Lehre örtlichen Gegebenheiten anzupassen; Mahayana interpretiert den Buddhismus mit einem Schwerpunkt auf einer Reihe von philosophischen Gesichtspunkten. Dies ist der Glaube in Tibet, Korea, Japan, Sikhim, Bhutan, der Mongolei und Vietnam.

Im Jahre 329 vor Christi Geburt wurde in Thailand der Hinayana-Buddhismus eingeführt. Im 8. Jahrhundert wurde der Mahayana-Buddhismus gelehrt, aber im 11. Jahrhundert wurde über Burma wieder der Hinayana-Buddhismus ins Land gebracht. Im Jahre 1253 gingen thailändische buddhistische Mönche nach Ceylon und kehrten mit den Pali-Schriften zurück. Sie luden auch ceylonesische Mönche nach Thailand ein. Seit dieser Zeit bekannten thailändische Könige sich zum Hinayana-Buddhismus, der zur nationalen Religion wurde.

   

Buddha formulierte seine Doktrin von Leid und Heil in vier Thesen, den ‘Vier noblen Wahrheiten’, die da sind:
   
1. Die noble Wahrheit vom Leid: Wiedergeburt, Alter, Krankheit, Tod, Sorge, Schmerz und Verzweiflung, Verknüpfung mit Dingen, die wir nicht mögen, Trennung von Dingen, die wir lieben, und die Nichterhältlichkeit von Dingen, nach denen wir streben - all dies sind Ursachen von Leid. Zwar gibt es auch viele glückliche Momente und Vergnügen im Leben eines Menschen, doch gemäß den Gesetzen der Natur sind all diese glücklichen Momente und Vergnügen vergänglich; sie bestehen nur für kurze Zeit und lösen sich dann in nichts auf. Nur Sorge, Klage, Schmerz und Verzweiflung bleiben zurück.
2. Die noble Wahrheit vom Ursprung des Leids: Das dreifache Bedürfnis leitet jedes Wesen von Geburt zu Geburt und ist begleitet von Freude und Lust, hier und dort nach Erfüllung strebend: das sinnliche Bedürfnis, das Seins-Bedürfnis und das Bedürfnis nach Wohlstand und Macht. Es gibt weiterhin das sechsfache Bedürfnis, nämlich das Bedürfnis des Auges nach Formen, des Ohrs nach Tönen, der Nase nach Gerüchen, der Zunge nach Geschmäcken, des Körpers nach Objekten und des Geistes nach Träumen und Illusionen. Diese Bedürfnisse und die Unkenntnis der Gesetze der Natur sind der Ursprung des individuellen Leids.
3. Die noble Wahrheit vom Ende des Leids: Die Bedingung für das Ende des Leids ist das völlige Verschwinden des dreifachen Bedürfnisses, die Befreiung und Loslösung vom dreifachen Bedürfnis. Ein Mensch, der das dreifache Bedürfnis völlig überwunden hat, und das sechsfache Bedürfnis ebenso, und der außerdem die Unwissenheit überwunden hat, kann für sich das Nirwana realisieren (den Tod aller Bedürfnisse).
4. Die noble Wahrheit vom Pfad, der zum Ende des Leids führt: Dieser Pfad heißt der noble achtfache Weg, oder auch der Weg der Mitte, weil er beide Extreme vermeidet, den des sinnlichen Vergnügens und den der Selbst-Abtötung. Um Bedürfnisse und Unkenntnis zu besiegen, diesen doppelten hauptsächlichen Tunichtgut der individuellen Existenz, und um dann den Kreislauf von Wiedergeburt, Alter, Krankheit, Tod, Sorge, Klage und Verzweiflung zu überwinden und dem ganzen Elend eine Ende zu machen und Nirwana zu erreichen, die Befreiung und das Heil, sollte man auf diesem noblen achtfachen Weg, dem Weg der Mitte, wandeln.
Der noble achtfache Weg besteht aus:
1. Dem richtigen Wissen, das heißt dem intellektuellen Verständnis der Lehre des Dhamma, der Vier noblen Wahrheiten und dem Gesetz vom Karma.
2. Das richtige Bestreben, was bedeutet, dass Ehrgeiz, Hass, Gier, Lust und Gewalttätigkeit überwunden werden.
3. Die richtige Rede, was bedeutet, dass Lügen vermieden werden, dass man seine Sprache kontrolliert; dass man höflich und verständnisvoll ist, und keine bösen Worte über die Lippen gehen lässt, dass man Mitleid und Sympathie zeigt, dass man der Umwelt wohlgetan ist und keine heimliche Bösartigkeit im Herzen trägt.
4. Richtiges Handeln, womit gemeint ist, dass kein Leben zerstört wird, nichts genommen wird was nicht gegeben ist, und dass Sinnenfreuden vermieden werden, ebenso wie berauschende Liköre oder Drogen.
5. Richtiger Lebensunterhalt, das heißt, dass man einem Beruf nachgeht, der mit obigen Geboten im Einklang steht.
6. Richtige Anstrengung, wonach man zu verhindern sucht, dass sich neues Böses in eines Menschen Herzen einschleicht; ebenso sollte man versuchen, alles Böse in eines Menschen Herzen zu verbannen, um damit eine Geisteshaltung zu entwickeln und zu bewahren, die von Wohlwollen geprägt ist.
7. Richtige Aufmerksamkeit, was besagt, man solle sich ständig darüber bewusst sein, welche Phänomene im eigenen Körper auftreten, zum Beispiel mit Bezug auf die Gesundheit; insbesondere ist darauf zu achten, welche Unreinheiten im Geiste auftreten; darüber hinaus solle man sich bewusst werden über die eigene Geistesverfassung und das Auf und Nieder im eigenen Temperament.
8. Richtige Konzentration, die Schwelle zum Nirwana; sie besteht aus den Vier großen Anstrengungen, die da sind: die Anstrengung, alles Böse im eigenen Geiste zu überwinden, neues Böses im eigenen Geiste zu vermeiden, eine ausgeglichene Geisteshaltung zu erreichen, und zu verhindern, dass diese ausgeglichene Geisteshaltung gestört wird. Diese ausgeglichene Geisteshaltung ist begleitet vom Richtigen Wissen, den Richtigen Absichten, der Richtigen Sprache, dem Richtigen Handeln, dem Richtigen Lebensunterhalt, den Richtigen Anstrengungen und der Richtigen Aufmerksamkeit. Das Ziel der Richtigen Konzentration ist es, das Auge der Weisheit zu entwickeln.
Ganz grob zusammengefasst, ist die Lehre des Buddha, Gutes zu tun, Böses zu vermeiden und das eigene Herz rein zu halten. Gemäß der Lehre des Buddha sind die Herzen der gewöhnlichen Menschen nicht rein. Sie sind angefüllt mit Gier, bösem Wollen und Täuschungen. Gier und Hass sind Unreinheiten des Herzen, die von Bedürfnissen hervorgerufen werden; Unwissenheit ist die Ursache von Täuschungen, hauptsächlich von Selbst-Täuschung. Unwissenheit ist eigentlich auch die Grundlage von Bedürfnissen, und damit die erste Quelle allen Leids und aller Wiedergeburten. Buddha lehrte, das Herz zu reinigen, 1. durch die Praxis von Selbst-Kontrolle und Zurückhaltung, 2. durch Meditation über das eigene Sein, und 3. indem man dem heiligen achtfachen Weg folgt, der zum Ende allen Leids führt.
Einige Übungen und Regelungen sind:
Die fünf Regeln der Moral (Panca Sila) für die Laienschaft, nämlich der Verzicht auf 1. das Töten irgendwelcher Lebewesen, 2. Diebstahl, 3. Ehebruch, 4. Lüge und 5. das Trinken berauschender Getränke.
Die acht Regeln der Moral an buddhistischen Feiertagen, insbesondere für ältere Leute, sind der Verzicht auf 1. das Töten irgendwelcher Lebewesen, 2. Diebstahl, 3. Ehebruch, 4. Lüge, 5. das Trinken berauschender Getränke, 6. Mahlzeiten nach der Mittagsstunde, 7. Tanz, Gesang, Musik, Theater, Parfüm, Kosmetik und Schmuck, und 8. das Schlafen in luxuriösen Betten.
Über die aufgeführten Regeln hinaus praktizieren Novizen die zehn Regeln für Novizen, und Mönche praktizieren insgesamt 227 Regeln."

So weit die Erklärungen zum Buddhismus, wie sie im Traveller’s Guide to Thailand, herausgegeben von der Tourist Authority of Thailand, dargelegt sind. Wie schon erwähnt, kommt es bei diesem Zitat nicht auf eine neutrale und kohärente Erklärung des Buddhismus an. Kohärente religiöse Systeme sind ein Thema für Berufstheologen, und im buddhistischen Thailand genauso wie im katholischen Italien ist das Glaubenssystem auf das man bei den Menschen normalerweise trifft, nicht ausgereift in dem Sinne, dass es frei wäre von inneren Widersprüchen. Der zitierte Text repräsentiert ziemlich genau eine Art von Buddhismus, wie er von gebildeten Durchschnitts-Thais geglaubt wird. Auffallend ist, dass immer wieder betont wird, Buddhismus habe eigentlich nichts mit Glauben, nur aber mit Wissen zu tun. Fast präsentiert sich die Religion als Wissenschaft (mehr dazu weiter unten), die beweisbare Thesen. Wie die Lehre von den Wiedergeburten bewiesen sein soll, ist im obigen Text aber leider nicht gesagt.

Allerdings ist der Buddhismus nur ein Aspekt des religiösen Systems der meisten Thais. Wie schon oben gesagt, kann der Buddhismus besser als jede andere Welt-Religion mit anderen Glaubenssystemen koexistieren. Von dieser Möglichkeit wird weitgehend Gebrauch gemacht, und der thailändische Himmel, ebenso wie die thailändische Hölle ist dicht bevölkert mit Göttern und Geistern der verschiedensten religiösen Systeme, wobei eine kräftige Prise Animismus dafür sorgt, das es recht bunt zugeht.

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